Der Surfer und Grafiker David Carson hatte in den Neunzigern ein paar recht glückliche Würfe in Sachen Graphic Design. Mit seinem Buch (!) «The End Of Print» schuf er für die einen ein Manifest der Graphic Future, für die andern die Visualisierung der Chaos-Theorie. Gut 20 Jahre nach «The End Of Print» legt die Bildungsinstitution AKAD Business die nunmehr 8. Auflage der Publikation «Business Class» auf. Ein Verzeichnis des Bildungsangebotes, begleitet von jeder Menge interessanter Häppchen, wie sie halt in der Business Class gern gereicht werden. Das alles auf satten 212 Seiten. Von den einen schon vor 8 Jahren als anachronistisch verschrien, erfreut es sich immer noch knackigster Jugend.

Und das im Zeitalter des Internets? Wenn man heute die Vorzüge der gedruckten Publikationen lobt, gilt man schnell einmal als «old fashioned», als «halt auch nicht mehr zwanzig», als «geistig nicht mehr so beweglich wie auch schon». Was soll’s – hier dennoch eine kleine Würdigung.

Die «Business Class» wird einmal im Jahr verlegt und zwar just auf einen ganz bestimmten Erscheinungstag hin. Das heisst, es gibt einen Termin der Auslieferung, von dem sich alles zurückrechnen lässt: Ausrüstung, Druck, Druckdatenlieferung, Gut-zum-Druck, Korrektur, Korrektorat, Satz, Grafik, Bildbearbeitung, Photoshooting, Redaktionsschluss, Überarbeitung der letzten Ausgabe durch die verantwortlichen Schulleiter. Jeder dieser Schritte unterliegt einem Mehr-Augen-Prinzip, jeder Schritt kontrolliert die Ergebnisse des vorangegangenen. Warum? Weil so ein Buch etwas kostet und gut werden soll, jeder Beteiligte ein Profi ist und neben Geld auch einen Ruf zu verlieren hat.

Als Nagelprobe: Wie viele Unternehmenswebsites sind Ihnen bekannt, die einen vergleichbaren Publikationsprozess institutionalisiert haben? Websites «updated» man landauf landab «aus dem Office heraus». Mitarbeiter/-innen, die weder als Texter, Grafikerinnen, Bildredakteure oder Product Managerinnen Referenzen haben, «aktualisieren» die «Homepage» am Ende eines 100%-Arbeitspensums vor dem Nachhausegehen. Sie werden zu Redakteuren und erschrecken, wenn man sie denn auch so nennt und in die Pflicht nimmt. Weil: Das Web ist ja so einfach! Und so schnell. Und so aktuell. Termin, Preis, PDF, rein-raus-und-gut-ist. Doch: bei ein paar Tausend «Unique Visitors» pro Monat kann es durchaus eine ökonomische Rolle spielen, welchen Stellenwert man Information und deren Übermittlungsqualität beimisst.

Oder möchte man derartiges Lesen? «Trotz klarer gesetzlicher Normierung tauchen im Zusammenhang mit der Tatsache, dass zahlreiche Arbeitnehmer nur halbtägig beziehungsweise stundenweise oder nur an einzelnen Tagen in der Woche beziehungsweise im Monat – und teilweise dann auch nur stundenweise oder nur wochen- beziehungsweise monatsweise im Jahr – auch in diesen Fällen teilweise nur stundenweise arbeiten, in der Praxis immer Fragen grundsätzlicher Art nach dem Ferienanspruch auf.»

Tja. Manchmal reichen eben auch auf einer Krankenkasse ein MBA und drei Sprachen fliessend nicht. Das Problem dabei: Alles gerät aus den Fugen. Denn unser ökonomisches System baut auf Verlässlichkeit. Man muss nicht Adam Smith heissen, um das zu verstehen. Gott hab ihn selig. Im Grab umdrehen würde sich der Wirtschaftsphilosoph des 18. Jahrhunderts. Denn vertraut man den Informationen nicht, vertraut man dem Herausgeber nicht. Und man kauft nicht ohne Vertrauen. Deshalb haben wir hier auch den Coop und nicht einen Markt wie in Houmt Souk.

Print ist kein Garant für «Content Quality», beileibe nicht. Aber eine Publikation wie die «Business Class» macht einfach Eindruck allein durch ihre physische Präsenz. Ohne einen Buchstaben zu lesen, versteht man: Da hat jemand etwas zu sagen. Das allein kann heute bereits als Kommunikationsziel herhalten! The Absence Of Click statt The End Of Print.

Es käme auch niemand auf die Idee, am Buch zu kritisieren, es sei doof, dass man blättern muss. Doof ist scheinbar nur, wenn man eine Website scrollen muss. Weil die Information nicht genügend komprimiert ist, nicht «Above The Fold» platz findet, nicht genügend weglässt, zu viel Ballast aufweist. Aber vielleicht ist sie kompromittiert vom Weglassen. Zerfressen von Löchern. Es gibt Sätze, Satzzeichen, Wörter, Grafiken, die kann man nicht einfach weglassen, nur um Einfachheit vorzugaukeln. Irgendwann ist Einfachheit eine Frechheit.

Wenn etwas leicht zu lesen ist, dann war es schwer zu schreiben, sagte der spanische Schriftsteller Enrique Jardiel Poncela. Die Website verleitet gerne dazu, mit Information spielerisch umgehen zu wollen, ohne es zuerst in aller Ernsthaftigkeit zu beherrschen. Das gilt für Bild wie Text gleichermassen.

Konfuzius versprach seinen Schülern, dass, wenn er denn an die Regierung käme, es ihm das Wichtigste wäre, dass die Sprache stimme: «Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte ist, dann missraten die Werke. Missraten die Werke, so verderben die Sitten. Verderben die Sitten, so entartet die Rechtsprechung. Entartet die Rechtsprechung, so weiss das Volk nicht, wo es festen Boden findet. Daher achte man darauf, dass die Worte stimmen. Dies ist das Wichtigste von allem.» Was 500 Jahre vor Christus dem Volk recht war, dürfte dem Kunden im 21. Jahrhundert billig sein.

Krumme Beine kann Sie haben, aber schön muss sie sein – schwarze Füsse kann sie haben, aber schön muss sie sein! Wer Konfuzius zitieren kann, muss auch das Original Alpenland Quintett zitieren können. Denn auch über Kommunikation in Print und Web könnte man ein Lied singen: Aber gut muss sie sein.