Der Begriff der Gebrauchsgrafik wurde in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts geprägt, als Grafik vermehrt als Überbringer kommerzieller Botschaften fungierte und sich so abgrenzte von der bis anhin üblichen Vorstellung der rein künstlerischen (Druck-)Grafik. Die Künstler wurden (mindestens aus der Sicht einiger) zur Sklaven des Kommerz, verballhornten das Hehre in der Kunst. Heute ist es tatsächlich eher anders, dass nämlich der Kommerz dazu führte, die Grafik zu unterminieren. Was zu Bauhaus‘ Zeiten noch hiess: «Jedem Arbeiter sein Haus!» Heisst die Forderung heute: «Jedem Arbeiter seinen Computer!» Das Bauhaus verbreitete gefärbtes Leder, verformtes Schichtholz, Stahl und Glas im Volk. Der Computer heute dagegen Formensatz, Farbprotz und Farbverläufe, Schatten hinter jedem flachen Objekt, Handybilder, Schriftenschrott, Bulletpoints – alles Waffen gegen eine bekömmliche Kommunikation, vor allem, wenn sie in den falschen Händen sind. Einige von uns sind in ihrer Jugend ja noch mit dem 80er-Yuppie-Spruch aufgewachsen «Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir ein Sozi», was wohl beim einen oder andern auch zu einer gewissen Selbstüberschätzung geführt hat. Nicht jeder kann automatisch sein Bad neu fliesen, nur weil er eine Kelle halten kann. Nicht jeder kann automatisch Personal Trainer werden, nur weil er eine App auf dem iPhone hat, das die Pulsfrequenz misst. Und nicht jeder wird automatisch zum Grafiker, weil er eine Office-Suite auf dem Computer installiert hat oder ein InDesign aufstarten kann. Zugegebenermassen sollte aber auch nicht jeder, der das kann, als Grafiker amten – soviel Ehrlichkeit muss dann doch sein.

Es ist etwas viel Vorgeschichte zu der hier gezeigten, neuen Publikation des EW Wald. Sie ist eine Promotionsbeilage für Solaranlagen in verschiedenen Zeitungen mit Grossauflagen. Klar könnte man hier auch eine Formensatz-Typografie einsetzen, in regenbogenartig-verlaufende Farben getüncht, im Hintergrund kombiniert mit schattenhinterlegten, schräggestellten Handy- oder Clipart-Bildern und mit ein paar Worten – von Bulletpoints angeführt – die Botschaft codieren. Nur, seien wir mal ehrlich: Würden Sie auch mit einer Wollmütze und Bermuda-Shorts an einen Opernball gehen? Sehen Sie. Nicht alles ist eine Frage des Erfolges. Oftmals ist es einfach eine Frage des Stils. Und meistens hängt beides zusammen.