18. März 2020 (aktualisiert 20. März 2020) | «Gehen Sie aus der Krise gestärkt heraus!», «Nutzen Sie Ihre Stärken!», «Stellen Sie sich heute schon auf den Rebound ein!» – in diesen Tagen scheint es nicht genügend Motivationskönner und Führungsspezialisten in Unternehmen zu geben, die grösstmögliche Euphorie zu versprühen versuchen. Das ist grundfalsch. Seien Sie jetzt nicht positiv – weder beim Corona-Test noch in der Kommunikation.

Ich beobachte im Moment einige Unternehmen, wie sie sich in dieser ausserordentlichen Lage kommunikativ verhalten. Ich mache dabei drei unterschiedliche Typen aus: Unternehmen, die nicht kommunizieren; Unternehmen, die besser und auch schlechter kommunizieren; und Unternehmen, die in der ausserordentlichen Lage eine Chance für alles Mögliche sehen. Manche schrecken noch nicht einmal davor zurück, unverhohlen dem ökonomischen Darwinismus zu huldigen. Doch «Survival of the Fittest» hat in Zeiten mit exponentieller Krankheitsverbreitung und der furchtbaren Aussicht auf tausende Tote einfach keinen Platz. Ökonomische Zuversicht verbreitet man nicht in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten. Sie sehen Gutes an der jetzigen Situation? Fein. Aber halten Sie die Klappe.

Es ist unethisch und taktlos in der jetzigen Phase der Pandemie zu kommunizieren, man sei als Unternehmen/Führungskraft/Team bestens aufgestellt. In jener Phase der steilsten exponentiellen Entwicklung, eines landesweiten – nein europaweiten! – Lockdowns, geschlossener Grenzen und mit immer mehr neuen Todesfällen hat ein Unternehmen gefälligst nicht zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Und schon gar nicht öffentlich der Überzeugung zu sein, dass man aus dieser Krise gestärkt hervorgehe. Das ist vulgär.

Ich schliesse nicht aus, dass jede Krise Unternehmen und Menschen stärker macht. Im Gegenteil, es steht für mich sogar ausser Frage. Ich rate aber dazu, mit dieser Weisheit hinter dem Berg zu halten, mindestens, bis sich die Kurve abflacht. Unternehmen sollten sich ihre Energie bis zum Moment aufsparen, in dem sich abzeichnet, alles überstanden zu haben. Ja, dann wird wahrscheinlich ein gewaltiger Rebound einsetzen und ja, wahrscheinlich gehen dann alle gestärkt aus dieser Phase heraus. «Think positive» ist etwas für aussichtsreiche Lagen, nicht für ausserordentliche Lagen.

Wenn alles vorbei ist, werden diejenigen Unternehmen vorne sein, die sich zuvor aufrichtig demütig verhalten haben, sich sozial den Mitarbeitenden und dem Markt gegenüber gezeigt haben, die aufmerksam observiert und ihre Kommunikation der Lage angepasst haben: seriös, vornehm, professionell und zurückhaltend – aber umfassend.